
Seit Ende März 2026 gibt es ein neues Projekt in der Open-Source-Welt, das viele Leute aufhorchen lässt: Euro-Office. Hinter dem Namen steckt eine Allianz aus europäischen Schwergewichten – allen voran Nextcloud und Ionos – die gemeinsam einen Fork von OnlyOffice auf die Beine stellen. Das Ziel: Eine vollständig europäische, quelloffene Office-Suite für Nextcloud, Seafile und weitere Tools als echte Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace. Aber was bedeutet das jetzt konkret für dich, wenn du gerade überlegst, welchen Online-Editor du in deiner Cloud einsetzen willst? Ist Euro-Office schon reif für den Produktiveinsatz? Und wie steht es im Vergleich zu OnlyOffice und Collabora da?
Wir haben uns das Projekt angeschaut, die Fakten geordnet und eine ehrliche Einschätzung zusammengestellt. Wenn du die Unterschiede zwischen OnlyOffice und Collabora noch nicht kennst, lies am besten vorher unseren ausführlichen Vergleich der beiden Online-Editoren – dort steigen wir tiefer in Architektur, Performance und Sicherheit ein.
Das Wichtigste in Kürze
- Euro-Office ist ein Fork von OnlyOffice: Nextcloud, Ionos, XWiki, OpenProject, Soverin und die EuroStack-Initiative haben das Projekt am 27. März 2026 in Berlin vorgestellt.
- Motivation ist digitale Souveränität: OnlyOffice stammt ursprünglich aus russischer Hand – Euro-Office soll diesen geopolitischen Unsicherheitsfaktor eliminieren.
- Technisch bleibt vieles gleich: Die Engine, die Ribbon-Oberfläche und die Microsoft-Kompatibilität werden übernommen. Wie bisher auch unter der AGPL-3.0-Lizenz.
- Stabile Version erst im Sommer 2026: Derzeit gibt es nur eine technische Vorschau auf GitHub. Für Produktivsysteme also noch zu früh.
- Soll Collabora ablösen: In Nextcloud und Ionos Nextcloud Workspace wird Euro-Office mittelfristig die Rolle von Collabora übernehmen.
Was ist Euro-Office überhaupt?
Kurz gesagt: Ein kompletter Fork der Open-Source-Komponenten von OnlyOffice, aber unter europäischer Governance. Die Initiator:innen haben sich bewusst gegen einen Neuaufbau auf Basis von LibreOffice entschieden. Frank Karlitschek, CEO von Nextcloud, fasst es auf der Vorstellung in Berlin so zusammen: „LibreOffice ist 35 Jahre alt und nicht mehr die innovativste und flüssigste Lösung.“ Gemeint ist damit die Codebasis-Linie, die bis auf StarOffice aus den 1980ern zurückgeht – LibreOffice selbst gibt es als Fork seit 2010. Die OnlyOffice-Codebasis gilt als moderner, performanter im Browser und besser auf die Realität von DOCX/XLSX/PPTX zugeschnitten.
Gleichzeitig soll der Fork ein Problem beheben, das in Behörden und Unternehmen mit Compliance-Anforderungen zunehmend für Stirnrunzeln sorgt: OnlyOffice wird von Ascensio System SIA entwickelt, einem Unternehmen mit russischen Wurzeln. Für viele Institutionen ist das – unabhängig von der technischen Qualität – ein No-Go geworden. Euro-Office will diese Frage ein für alle Mal vom Tisch bekommen.
Wichtig: Euro-Office ist kein eigenständiges Produkt mit eigenem Desktop-Client (zumindest nicht zum Start). Es ist die Editor-Komponente, die sich in bestehende Systeme wie Nextcloud, Seafile, XWiki oder OpenProject einbetten lässt – analog dazu, wie du heute OnlyOffice oder Collabora einbindest.
Wer steckt dahinter?
Die Koalition ist für ein so junges Projekt erstaunlich breit aufgestellt:
- Nextcloud – die bekannte Open-Source-Cloud aus Deutschland, treibende Kraft hinter dem Projekt
- Ionos – einer der größten europäischen Hoster, stellt Infrastruktur und Reichweite
- XWiki – Enterprise-Wiki aus Frankreich
- OpenProject – Projektmanagement aus Berlin
- Soverin – niederländischer Mail-Anbieter mit Fokus auf Datenschutz
- EuroStack – Initiative für europäische digitale Infrastruktur
Laut Ankündigung wollen allein Nextcloud und Ionos jeweils „eine zweistellige Zahl“ an Entwickler:innen einstellen. Das ist eine Hausnummer, die zeigt, dass es hier nicht um ein Prestige-Projekt geht, sondern um einen ernstgemeinten Versuch, eine produktionsreife Alternative zu schaffen.
Euro-Office vs. OnlyOffice vs. Collabora
Da Euro-Office ein OnlyOffice-Fork ist, erbt es technisch erstmal fast alle Eigenschaften. Interessant wird der Vergleich bei Governance, Lizenz und Zukunftsperspektive:
| Kriterium | Euro-Office | OnlyOffice | Collabora Online |
|---|---|---|---|
| Governance | Europäisches Konsortium | Ascensio System SIA (Lettland, russische Wurzeln) | Collabora Ltd. (UK) |
| Architektur | Client-seitig (Browser) | Client-seitig (Browser) | Server-seitig (Rendering) |
| Basis | OnlyOffice-Fork | Eigenentwicklung | LibreOffice-Codebasis |
| Lizenz | AGPL v3 (vollständig offen) | AGPL v3 (Open Core) | MPL 2.0 |
| MS-Office-Kompatibilität | Sehr gut (wie OnlyOffice) | Sehr gut | Gut (mit Abstrichen) |
| ODF-Unterstützung | Gut | Gut | Sehr gut |
| Performance | Schnell (Browser-Rendering) | Schnell (Browser-Rendering) | Abhängig vom Server |
| Reife | Tech-Preview | Produktiv und ausgereift | Produktiv und ausgereift |
| Verfügbar ab | Stabil: Sommer 2026 | Seit vielen Jahren | Seit vielen Jahren |
Was Euro-Office anders machen will
Neben der europäischen Governance gibt es zwei weitere Punkte, die das Projekt von OnlyOffice abgrenzen sollen:
Erstens: Keine Open-Core-Einschränkungen. Bei OnlyOffice ist die Community Edition auf 20 parallele Nutzer:innen gedeckelt – wer mehr will, muss zur kostenpflichtigen Enterprise Edition greifen. Euro-Office soll unter reiner AGPL-3.0 stehen, ohne künstliche Limits. Das ist gerade für mittelgroße Teams ein relevanter Punkt.
Zweitens: Audit und Rebuild. Die Partner geben an, den OnlyOffice-Code geprüft und einzelne Komponenten, die nicht vollständig quelloffen vorlagen, neu gebaut zu haben. Karlitschek formulierte auf der Präsentation: „Wir können für unsere Version geradestehen.“ Wie gründlich dieses Audit ausgefallen ist und was genau neu implementiert wurde, wird sich im Lauf des Jahres zeigen.
Ist Euro-Office heute schon eine Option?
Die ehrliche Antwort: Nein, noch nicht. Stand April 2026 gibt es eine technische Vorschau auf GitHub – nützlich, um das Projekt zu verfolgen und auszuprobieren, aber nicht geeignet für echte Arbeit. Die erste stabile Version ist für Sommer 2026 angekündigt. Erst dann wird Euro-Office schrittweise die Rolle von Collabora in Nextcloud und Ionos Nextcloud Workspace übernehmen.
Für dich heißt das: Wenn du heute eine Nextcloud oder Seafile aufsetzt und einen Online-Editor brauchst, musst du weiterhin zwischen OnlyOffice und Collabora wählen. Die gute Nachricht: Der Wechsel zu Euro-Office wird ohne Datenmigration möglich sein, weil die Dokumentformate und die Integration praktisch identisch bleiben.
Praxis-Tipp: Wenn dir europäische Governance heute schon wichtig ist und du zwischen OnlyOffice und Collabora schwankst, ist Collabora aktuell die sicherere Wahl. Collabora wird von einem britischen Unternehmen entwickelt und basiert auf LibreOffice, dessen Herz bei der Document Foundation in Berlin schlägt – damit steht das Ökosystem außerhalb US- und russischer Rechtssprechung. Euro-Office wird diesen Platz in Nextcloud-Setups absehbar einnehmen – aber eben erst in ein paar Monaten.
Was bedeutet das für die Zukunft von OnlyOffice und Collabora?
Das ist die spannendere Frage. Mit Euro-Office entsteht ein Fork, den ein starkes Konsortium trägt – und Nextcloud hat bereits angekündigt, Collabora in der eigenen Cloud zugunsten von Euro-Office abzulösen. Für Collabora ist das ein spürbarer Verlust, auch wenn sich die Software in vielen anderen Umgebungen (darunter Seafile) weiterhin hervorragend einsetzen lässt.
Für OnlyOffice stellt sich eine andere Frage: Wie reagiert das Mutterunternehmen auf den Fork? Spannend wird, ob OnlyOffice selbst Schritte unternimmt, um europäische Kund:innen zurückzugewinnen – etwa durch eine klarere Trennung von Governance und Entwicklung.
Unser Bauchgefühl: Die Office-Landschaft im Open-Source-Bereich wird dadurch vielfältiger, nicht ärmer. Alle drei Projekte werden koexistieren – und Wettbewerb ist selten schlecht für Nutzer:innen.
Häufige Fragen zu Euro-Office
Kann ich Euro-Office schon mit Nextcloud oder Seafile nutzen? Nur als Tech-Preview über die GitHub-Repositories des Projekts – und auch das eher zum Ausprobieren als für den echten Einsatz. Die produktionsreife Integration kommt mit dem ersten stabilen Release im Sommer 2026.
Wird Euro-Office kostenpflichtig sein? Die Software selbst wird unter AGPL-3.0 frei verfügbar sein. Ob und welche kommerziellen Angebote (Support, SLA, Managed-Hosting) es darüber hinaus geben wird, ist noch offen. Bei Nextcloud und Ionos ist damit zu rechnen, dass es Enterprise-Angebote geben wird – ohne die Community-Version zu beschneiden.
Ist Euro-Office kompatibel mit bestehenden OnlyOffice-Dokumenten? Ja. Da Euro-Office ein direkter Fork ist, sind die Dateiformate identisch. Ein späterer Wechsel sollte ohne Konvertierung möglich sein.
Warum nicht einfach LibreOffice bzw. Collabora weiter nutzen? Das wäre die naheliegende Option, aber die Initiator:innen argumentieren, dass die OnlyOffice-Engine im Browser schlicht moderner, schneller und mit Microsoft-Formaten kompatibler sei. Ob sich diese Bewertung in der Praxis bestätigt, musst du letztlich selbst ausprobieren.
Wird server.camp Euro-Office anbieten? Wir beobachten das Projekt aufmerksam. Sobald eine stabile Version verfügbar ist, werden wir prüfen, ob und wie wir Euro-Office in unser Nextcloud- und Seafile-Angebot integrieren. Bis dahin stehen dir bei uns OnlyOffice und Collabora als produktionsreife Optionen zur Verfügung.
Fazit
Euro-Office ist eines der spannendsten Open-Source-Projekte des Jahres 2026. Die Kombination aus einer technisch soliden Codebasis (OnlyOffice), einer starken Allianz europäischer Anbieter und einem klaren Souveränitäts-Narrativ trifft genau den Nerv der Zeit. Gerade für Behörden, Bildungseinrichtungen und Unternehmen, die digitale Souveränität nicht nur als Schlagwort verstehen, dürfte das Projekt schnell relevant werden.
Aber: Euro-Office ist heute noch nicht produktionsreif. Wer jetzt einen Online-Editor braucht, fährt mit OnlyOffice oder Collabora weiterhin gut – beide sind ausgereift, werden aktiv weiterentwickelt und lassen sich hervorragend mit Nextcloud oder Seafile kombinieren. Wer digitale Souveränität heute schon priorisieren will, greift aktuell eher zu Collabora. Wem Microsoft-Kompatibilität und Performance wichtig sind, bleibt bei OnlyOffice. Und wer sich die Option offenhalten will, später auf Euro-Office umzusteigen, kann das mit OnlyOffice ebenfalls problemlos tun.
Wir halten dich auf dem Laufenden, sobald es neue Entwicklungen gibt – insbesondere, wenn die stabile Version im Sommer erscheint und wir sie in unserer Infrastruktur testen können.
Bei server.camp haben wir uns zum Ziel gesetzt, gute Open-Source-Anwendungen breiter zugänglich zu machen und z.B. für einen stabilen und sicheren Betrieb und guten Support zu sorgen. Wir bieten Nextcloud und Seafile inklusive OnlyOffice oder Collabora EU-hosted und DSGVO-konform an – und wir schauen uns Euro-Office genau an, sobald es stabil verfügbar ist. Probier's gerne mal aus – du kannst jede Anwendung 30 Tage lang kostenlos testen!